Eine Auszeit vom Job: Birgt ein Sabbatical Risiken?

Manchmal kommen die Sehnsüchte,Träume und Freiräume neben dem Job zu kurz. Mit einem durchschnittlichen Urlaubsanspruch von 30 Tagen pro Jahr, lassen sich keine großen Sprünge machen. Wenn man also eine wirkliche Auszeit vom Job möchte, drängt sich einem die Alternative eines Sabbaticals auf. Was gilt es dabei zu beachten?

Sehr geehrte Frau Freund,

seit fünf Jahren bin ich als Softwareentwickler bei einem mittelständischen Unternehmen beschäftigt, das IT-Lösungen für die Mobilitätsbranche bietet. Schon während meines Informatikstudi- ums habe ich hier ein Praktikum absolviert, war als Werkstudent tätig und habe schließlich auch hier meine Diplomarbeit geschrieben. Dadurch ergab es sich fast automatisch, dass ich unmittelbar nach meinem Studium im gleichen Unternehmen ins Berufsleben eingestiegen bin.

Meine Arbeit ist vielseitig, nie langweilig und macht mir nach wie vor Spaß. Trotzdem regt sich seit längerem bei mir ein Bauchgefühl, als hätte ich etwas versäumt: Andere Kommilitonen haben nach ihrem Studium zunächst einmal ein Work&Travel-Jahr eingelegt und viel von der Welt gesehen, während ich übergangslos in den Job gestartet bin. Ich wünsche mir ein Sabbatical, eine berufliche Auszeit von sechs bis zwölf Monaten, in der ich meinen Traum von einer Motorradreise durch Südamerika verwirklichen kann. Ich habe die Befürchtung, dass ich meinen Plan nicht zu lange aufschieben sollte, weil ich ihn dann vielleicht nicht mehr realisiere.

Mein Arbeitgeber ist wohl eher nicht in der Lage, mir meinen Arbeitsplatz über einen solchen Zeitraum hinweg zu garantieren. Ich müsste vermutlich kündigen und danach einen Neustart wagen, vielleicht wieder bei der alten Firma, oder wo auch immer. Wie sehen Sie diese Situation: Ist das Risiko groß, nach dem Sabbatical in Erklärungsnot zu kommen, warum man das getan hat, und dadurch auf Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg zu stoßen?

Sehr geehrter Leser,

eine spannende Idee, die Sie da im Kopf haben! Und ganz klar ist so ein Plan immer mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, in Ihrem Fall ist das Risiko noch ganz gut überschaubar. Damit will ich nicht zum allgemeinen Sabbatjahr aufrufen, ganz im Gegenteil. Eine solche Entscheidung muss dem jeweiligen Menschen, seiner Lebenssituation und seiner Persönlichkeit entsprechen und angemessen sein. Bei Ihnen hört man die Sehnsucht heraus, ihren gefassten Plan in die Tat umzusetzen.

Ich gehe davon aus, dass Sie  noch  ungebunden  und ohne familiäre Verpflichtungen sind, denn dann gäbe es noch wesentlich mehr zu bedenken. Wichtig ist, dass Sie sich Gedanken über Ihre finanzielle Versorgung während und nach der Reise machen. Können Sie auch noch eine gewisse Zeit der Jobsuche überbrücken, ohne dass Sie gleich in Zugzwang kommen? Denken Sie auch daran, Ihre Kranken- und Sozialversicherungsfragen zu regeln. Dass Sie sich körperlich auf einen solch fordernden und anstrengenden Trip vorbereiten, versteht sich von selbst.

Sprechen Sie mit Ihrem Arbeitgeber!

Ihrer Schilderung entnehme ich, dass Sie Ihre Idee bisher noch nicht bei Ihrem Arbeitgeber vorgebracht haben. Sie nehmen schlicht an, Ihre Intention lässt sich nicht mit den Unternehmenszielen und Gegebenheiten vereinbaren. Natürlich ist ein Mittelständler hier in einer schwierigeren Ausganssituation als ein großer Konzern, der leichter Ausgleich und Überbrückung schaffen kann. Dennoch: Überlegen Sie sich, ob Sie Ihr Projekt nicht doch an geeigneter Stelle zur Sprache bringen. Denn das Vorhaben wird natürlich einfacher, wenn man in den „sicheren Hafen“ zurückkehren kann.

Zur Finanzierung gibt es hier unterschiedliche Modelle: Der teilweise Gehaltsverzicht im Vorfeld, das Ansammeln von Überstunden auf einem Langzeitkonto, oder aber unbezahlter Urlaub. Vielleicht ist  es ja überraschend einfach, in Ihrer Firma ein wenig Überzeugungsarbeit zu leisten und Akzeptanz für Ihr Projekt zu finden? Eine Idee dazu kann auch Eigenwerbung zum Imagenutzen des Unternehmens sein: Sie halten während Ihrer Tour den Kontakt zur Firma und zu den Kollegen, schreiben vielleicht einen Reiseblog oder ähnliches – hier tun sich viele verschiedene Möglichkeiten auf, die ein IT-affines Unternehmen vielleicht sogar gut für Branding-Zwecke nutzen könnte. Wichtig ist, dass Sie mit einem konkreten Plan und klaren Vorstellungen auf Ihren Arbeitgeber zugehen. Mit nebulösen Aussagen werden Sie nicht ernst genommen und rasch scheitern.

Neu durchstarten

Die zweite Variante – nämlich der Start bei einem neuen Arbeitgeber nach Ihrer Auszeit – hat allerdings auch ihren Charme und bietet gleichzeitig die Chance, völlig neue Erfahrungen im Berufsleben zu sammeln. Sie kommen vermutlich von Ihrer Reise auch ein Stück weit als anderer Mensch zurück – da könnte es sein, dass Sie sich dadurch in Ihrer alten Firma gar nicht mehr so richtig wohl und heimisch fühlen? Entscheiden Sie, welche dieser beiden Szenarien für sie das wahrscheinlichere sein kann.

Nun zur Frage, wie Sie am besten die „Lücke“ in Ihrem Lebenslauf darstellen und erklären. Meine Meinung dazu: Sie sollten das Sabbatical auf alle Fälle thematisieren und nicht verschleiern oder unter den Tisch kehren. Die Zeiten, in denen so etwas ein KO-Kriteriium war, sind definitiv vorbei. Die Unternehmen erkennen heute durchaus an, dass man mit einem solchen Projekt viele Skills ausprägt und dazu gewinnt, wie: Eigenständigkeit, Eigenverantwortung, Flexibilität, Kreativität. Dann natürlich Kommunikation, in mehreren Sprachen und auf internationaler Ebene, rasches Sich-Einstellen auf andere Kulturen und Mentalitäten. Wenn man sein Sabbat-Projekt entsprechend plastisch darstellt und darlegen kann, was hat man gemacht, wann – wie lange – mit welchen Zwischenzielen, und welchen persönlichen Gewinn hat man daraus gezogen, kann das durchaus eine Bereicherung des Lebenslaufs darstellen: Ein solcher Schritt zeugt ja auch von Mut, Entschlussfreudigkeit und Willenskraft. Nicht jeder würde sich auf diese Weise aus seiner Komfortzone herausbewegen!

Meine Empfehlung in Ihrem individuellen Fall: Ich kann verstehen und nachvollziehen, dass Sie diesen Ihren Wunsch in die Tat umsetzen wollen. Und vermutlich würden Sie es auch in einigen Jahren bereuen, wenn sie es nicht tun. Ich denke nicht, dass Sie große Anschlussprobleme nach Ihrer Auszeit haben werden, wenn Sie etwas Puffer mit einplanen. Ihr Wissen und Können wird nach wie vor gefragt sein, und wenn Sie sich etwas up to date halten, sollte sich das auch nicht ändern. Kleine Einschränkung meinerseits: sechs bis acht Monate sind etwas überschaubarer und besser planbar als ein ganzes Jahr!

Ihre Hildegard Freund

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