Führungsaufgaben: Achtsam die eigene Karriere planen

Statt höher, schneller, weiter sollte die Karriere achtsam und bedacht geplant werden. Ob es sich lohnt, gleich die erste angebotene Führungsaufgabe zu übernehmen, sollte kritisch geprüft werden. Worauf es ankommt, verrät Hilde Freund in unserer Leserfrage.

Sehr geehrte Frau Freund,

ich bin seit nun vier Jahren bei meinem Arbeitge­ber – ein namhafter Systemanbieter – als Entwick­lungsingenieur für sicherheitskritische Software tätig. Nun wurde mir nach dieser relativ kurzen Zeit bereits eine Position als Team- bzw. Projekt­leiter angeboten. Durch meine aktuelle Tätigkeit kann ich sehr gut einschätzen, was das bedeutet. Ich bin selbst Teil eines solchen international ar­beitenden Projektteams, kenne die Komplexität dieser Aufgabe und weiß um die vielen Schnitt­stellen, die der Projektmanager sicherstellen und koordinieren muss.

Gerne möchte ich meine Situation und meine Zielsetzung von Ihnen einschätzen und beurtei­len lassen: Natürlich ehrt es mich, dass mein Ar­beitgeber mir dieses Angebot macht und mir den Job offensichtlich zutraut. Ich selbst bin mir aber noch nicht wirklich sicher, ob ich dieser Herausfor­derung mit gerade einmal Anfang 30 bereits ge­wachsen bin. Die Kollegen in einer vergleichbaren Position um mich herum sind rund acht bis zehn Jahre älter. Ist es schon der richtige Zeitpunkt? Und was passiert, wenn ich das Angebot dankend ablehne? Komme ich dann auf eine „schwarze Liste“ und werde nie wieder gefragt, wenn es um Weiterentwicklung und spannende Aufgaben­stellungen geht?

Sehr geehrter Leser,

 zuallererst: Kompliment an Sie für diese Überlegungen. Sie springen nicht blind ins eiskalte Wasser und sagen ohne Nachdenken „Ja“ zu dieser Möglichkeit. Sie reflektieren die Chancen und Risiken und wägen analytisch und nüchtern ab, welcher Weg für Sie der richtige sein kann.

Die Rolle als Team- bzw. Projektleiter beinhaltet tatsächlich eine Menge an Verantwortlichkeiten. Als Projektverantwortlicher obliegt Ihnen meist die Einhaltung von Terminen, Qualität und häufig auch Kosten des je­weiligen Projektes, verbunden mit der fachlichen Führung der Teammitglieder. Nicht selten ist man in dieser Funktion auch der erste Ansprechpartner für Kunden und Lieferanten. In der Rolle des Teamleiters kommt dann noch die disziplinarische Verantwortung hinzu. Insgesamt ist dies tatsächlich eine Menge an Themen und Schnittstellen.

Interesse des Arbeitgebers

Betrachten wir die Situation doch von beiden Seiten und versetzen uns zunächst einmal in die Rolle Ihres Ar­beitgebers: Die Position des Team- und Projektleiters ist vakant geworden, vermutlich durch einen Wechsel des bisherigen Stelleninhabers. Für Ihr aktuelles Unternehmen ist der Weg der internen Besetzung durch Sie natür­lich der schnellere und einfachere. Sie stehen rasch zur Verfügung, sind bereits durch gute Arbeitsergebnisse aufgefallen, kennen die internen Abläufe und haben Netzwerke, auf die Sie zurückgreifen und aufbauen können.

Eine externe Suche wird Zeit in Anspruch nehmen, vermutlich wachsen Spezialisten mit dem geforderten Fachwissen plus Management-Ambitionen nicht auf den Bäumen. Dann muss derjenige länger eingearbeitet werden, als das bei Ihnen der Fall sein wird. Zudem ist es wichtig, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern Weiterentwicklungsperspektiven bieten, um Fluktuation und Verlust von Know-how einzudämmen. In Ihrem Fall ist es – denke ich – auf Seiten Ihres Arbeitgebers eine Mischung aus beidem: Man hat den Bedarf, die Vakanz kurzfristig neu zu besetzen und man kann sich vorstellen, dass Sie diese Rolle stemmen und ausfüllen können.

Komfortzone verlassen

Ihre Sicht der Dinge haben Sie ja bereits in Ihrer Frage­stellung dargelegt. Als Coach sehe ich mich allerdings auch in der Pflicht, Ihnen dabei zwei kritische Aspekte aufzuzeigen: Kann es denn vielleicht sein, dass Sie sich in Ihrer aktuellen Aufgabenstellung sehr wohl fühlen und es Ihnen schwerfällt, genau diese Komfortzone zu verlassen, um auszuloten was sonst noch so alles an Fähigkeiten in Ihnen steckt? Oder haben Sie eventuell auch ein wenig „Angst vor der eigenen Courage“, stellen Ihr Licht unter den Scheffel und trauen sich selbst we­niger zu, als Ihre Umgebung das tut? Bitte hinterfra­gen Sie sich hier nochmals konkret und selbstkritisch. Heutzutage wird ja viel von „Work-Life-Balance“ und „Downshifting“ gesprochen. Aber einen Schritt zurück kann letztlich nur derjenige machen, der zuvor Erfah­rung in der entsprechenden Verantwortung gesammelt und dabei festgestellt hat: Das ist auf Dauer nicht das Richtige für mich.

Ich kenne die internen Strukturen in Ihrem Unter­nehmen nicht. Gibt es Ihrer Meinung nach die Mög­lichkeit, mit Personalabteilung und Vorgesetztem zu diskutieren, ob ein Start als Projektleiter denkbar wäre, mit der Option später die Teamleiterrolle zu übernehmen? – Beispielsweise nach einem Jahr? Die diszipli­narische Verantwortung könnte in der Übergangszeit eventuell beim Abteilungsleiter liegen. So hätten Sie die Möglichkeit, sich zunächst einmal mit den fachlichen Komponenten einer Managementaufgabe vertraut zu machen. Die Unternehmen sind hier unterschiedlich aufgestellt: Manche trennen das Themenfeld der dis­ziplinarischen Verantwortung komplett von den mehr technisch getriebenen Leitungsfunktionen und manche nicht. Meiner Meinung nach ist es besser, das getrennt zu handhaben. Nicht jedem Kompetenzträger liegt auch das Thema Personalführung. Ein wichtiger Punkt, bei dem Sie für sich persönlich herausfinden müssen, wo Ihre Stärken liegen.

Kombinierte Kopf-Bauch-Entscheidung

So etwas ist ja immer eine kombinierte Bauch- und Kopfentscheidung. Wenn in diesem Fall Ihr negatives Bauchgefühl überwiegt und Sie sich in etwas hineingedrängt fühlen – tun Sie es (noch) nicht. Erklären Sie Ihren Vorgesetzten warum Sie so entscheiden; dann sollten Ihnen daraus auch keine Nachteile entstehen. Was man allerdings in der Regel – außer über Altersnachfolge – nicht planen kann, ist, wann sich für Sie eine solche „nächste Chance“ im Unternehmen er­gibt. Es kann natürlich sein, dass Sie sich irgendwann bereit fühlen den nächsten Schritt zu machen aber es besteht intern keine passende Vakanz. Dann heißt es entweder geduldig sein und auf die richtige Möglichkeit warten, oder die Nase in den Wind stecken und über den Tellerrand schauen, nach dem Motto: Mal schauen was sich draußen auf dem Arbeitsmarkt bewegt.

Ihre Hildegard Freund

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