Die Vereinten Nationen fördern die Integration elektrischer Mobilität im Stadtverkehr von Entwicklungsländern. Die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) hat David Rubia vom Umweltprogramm der UN zu Pilotprojekten mit elektrischen Motorrädern in Afrika und Asien befragt.

David Rubia arbeitet für die Air Quality and Mobility Abteilung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UN Environment). Er koordiniert die Electric Mobility Initiative, mit der Entwicklungs- und Transformationsländer beim Übergang vom Verbrennungsmotor zum Elektromotor unterstützt werden. Der regionale Fokus des Projekts "Integration elektrischer 2-& 3-Räder in bestehende städtische Verkehrssysteme in Entwicklungsländern" liegt auf Äthiopien, Kenia, Uganda, Thailand, Vietnam und den Philippinen.

 

Herr Rubia, im Rahmen dieses Projekts arbeiten Sie mit sechs Ländern, drei Ländern in Afrika und drei Ländern in Asien. Wie haben Sie diese sechs Länder ausgewählt?

Unsere Abteilung arbeitet mit 70 Entwicklungs- und Transformationsländern zusammen. Im Laufe der Jahre haben wir eine ziemlich genaue Vorstellung von den Herausforderungen gewonnen, vor denen diese Länder im Mobilitätssektor stehen. Gerade bei diesen sechs Ländern aus zwei verschiedenen Teilregionen haben wir unterschiedliche Probleme im Zusammenhang mit Zwei- und Dreirädern festgestellt. Ostafrika verzeichnet zurzeit das weltweit stärkste Wachstum bei der Zulassung von Zweirädern. Ein großer Teil davon entfällt auf Taxis, weil der öffentliche Personennahverkehr überlastet ist und es in den Städten viele Staus gibt. Auch in Südostasien ist die Zahl der Zweiräder über viele Jahre hinweg stark gestiegen, doch hier werden Zweiräder vor allem privat genutzt. Hier hat sich fast schon so etwas wie eine auf Zweirädern beruhende Mobilitätskultur entwickelt: In Vietnam kaufen sich die Menschen eher ein Zweirad als ein Auto.

Auto- und Motorrad-Taxis in Kampala, Uganda. Foto: UN Environment

Auto- und Motorrad-Taxis in Kampala, Uganda. (© UN Environment)

Wie würden Sie den Zusammenhang zwischen Mobilität und Klimawandel beschreiben?

Spannend an diesem Projekt ist, dass wir bereits jetzt wissen, dass die Zukunft der gemeinsamen Nutzung von Verkehrsmitteln gehört, so wie beim öffentlichen Personennahverkehr. Gleichzeitig müssen die Verkehrsmittel klimaneutral bzw. nahezu klimaneutral sein, damit wir die Klimaschutzziele des Klimaschutzabkommens von Paris erreichen. Der Übergang vom Verbrennungs- zum Elektromotor bei Zweirädern ist ein wichtiger Meilenstein und könnte der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen und dadurch zu einer deutlichen Reduzierung der CO2-Emissionen im Verkehrssektor beitragen. Die Elektrifizierung von Zweirädern ist einfacher, weil man keine so aufwändige Infrastruktur wie für leichte Nutzfahrzeuge oder Busse benötigt. Auch für die Nutzer sind die Hürden geringer, denn der Einstieg in die Elektromobilität erfordert bei Zweirädern geringere Investitionen. Außerdem gibt es bereits elektrische Zweiräder und die verfügbaren Modelle können im Preiswettbewerb durchaus mithalten. Wenn wir diesen Übergang erreichen, werden die Menschen auch ihre Einstellung zur Elektromobilität ändern. Sie werden sehen, dass die Elektromobilität sinnvoll ist und funktioniert. Damit sind dann auch die Voraussetzungen für die Elektrifizierung von leichten Nutzfahrzeugen und Bussen gegeben. Entscheidend ist dabei jedoch, dass es uns gelingt, diese Elektrofahrzeuge, insbesondere die Zweiräder, vollständig in die städtischen Verkehrskonzepte zu integrieren. Dazu bedarf es entsprechender Strategien und Vorschriften.

Wie lassen sich mit Blick auf Kenia die eingespielten Wertschöpfungsketten verändern?

Eine der zentralen Komponenten des IKI-Projekts besteht in der Unterstützung der Produktion bzw. Montage vor Ort. Derzeit sind die meisten Zweiräder, die auf den Straßen Kenias fahren, Importmodelle. Deshalb stellt der Übergang auf Elektromobilität eine große Chance dar, um die inländische Industrie und ihre Innovationsfähigkeit zu stärken. Beispielsweise unterstützen wir unseren Partner in Uganda, das Ministerium für Energie und die Erschließung mineralischer Rohstoffe, dabei, die inländischen Hersteller von Zweirädern mit Verbrennungsmotor zu erfassen. Zunächst müssen wir uns mit den Strukturen der Branche vertraut machen, denn wir wollen einen Technologiewandel herbeiführen und den Menschen nicht die Lebensgrundlagen entziehen. Wir müssen erst den Markt verstehen, bevor wir aktiv werden, um der Elektromobilität so zum Durchbruch zu verhelfen, dass sie nachhaltig ist und umweltfreundliche Arbeitsplätze schafft.
Auf der Verbraucherseite ist es etwas einfacher. Da Motorräder in Ostafrika meistens als Taxis eingesetzt werden, brauchen wir einen ökonomischen Anreiz, der für Elektromobilität spricht. Wenn es uns mit neuen Strategien und erfolgreichen Pilotprojekten gelingt, ein Szenario zu entwickeln, in dem sich die Betriebskosten durch den Übergang zur Elektromobilität um 30, 40 oder 50 Prozent oder sogar noch mehr verringern lassen, werden die Verbraucher es sich nicht zwei Mal überlegen. Hier wollen wir davon profitieren, dass die meisten Zweiräder in Ostafrika gewerblich genutzt werden, so dass eine Senkung der Betriebskosten den entscheidenden Unterschied macht.

Welche Rolle spielt die Politik dabei? Wie gehen Sie damit um, dass Rechtsvorschriften angepasst werden müssen, um einer emissionsarmen Technologie zum Durchbruch zu verhelfen?

Die gesamte Arbeit des Umweltprogramms der Vereinten Nationen ist auf einen Politikwechsel gerichtet, denn Interventionen, die nicht in einem Politikwechsel verankert sind, bleiben in vielen Fällen ohne die beabsichtigte langfristige Wirkung. UN Environment verfügt über die institutionellen Kapazitäten, die für die Herbeiführung eines Politikwechsels notwendig sind. Jetzt kommt es darauf an, dass wir uns alle bestehenden Herausforderungen genau ansehen und sie systematisch angehen. Das ist nicht einfach, aber viele politisch Verantwortliche haben den Willen zur Veränderung. Sie sehen darin eine Chance, die Nutzung motorisierter Zweiräder besser zu regulieren, denn dieser Sektor ist in letzter Zeit so schnell gewachsen, dass die Politik nicht Schritt halten konnte. Wir hoffen, die auf Seiten der Politik herrschende Dynamik für den Technologiewandel bei Zweirädern, also bei Kleinkrafträdern, Motorrollern und Motorrädern nutzen zu können.

UN Avenue in Gigiri (Kenia) mit getrennten Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger. Foto: UN Environment

UN Avenue in Gigiri (Kenia) mit getrennten Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger. (© UN Environment)

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