ZIV-Geschäftsführer Siegfried Neuberger

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Der Durchschnittpreis eines E-Bikes lag 2016 bei 3.287 Euro. Nicht gerade ein Pappenstiel. Wie bewerten Sie daher den Vorschlag von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen), den Kauf von E-Bikes – ähnlich dem Umweltbonus für Elektro-Autos – mit einer Prämie zu honorieren bzw. die Hälfte der Anschaffungskosten zu erlassen?

Diese sogenannte Kaufprämie ist auch eine der Forderungen des ZIV an die Politik. Wir haben eine Kaufprämie in Höhe von 500 Euro vorgeschlagen – das könnte für viele in der Tat der richtige Anreiz sein, beispielsweise auf den Zweitwagen zu verzichten und den Arbeitsweg oder das Einkaufen mit dem E-Bike zu erledigen. Es ist unverständlich, warum bei solchen Kaufprämien immer nur die Autobranche bevorzugt behandelt wird. Auch wenn der E-Bike-Markt zugegebenermaßen schon recht dynamisch wächst, sehen wir dennoch viel brachliegendes Potenzial. Denn der Preis für ein E-Bike ist nun mal relativ hoch, was an der eingebauten, hochwertigen Technik liegt. Ein leistungsstarker Lithium-Ionen-Akku in der Größe, wie er aktuell zum Einsatz kommt, ist da natürlich ein Kostentreiber. Aber auch die restliche Ausstattung wie Bremssysteme, Schaltung etc. schlägt sich natürlich im Endpreis wieder.

Den genannten Durchschnittspreis von 3.287 Euro empfinde ich übrigens als etwas hoch angesetzt  -  wenn man den reinen High-End-Fachhandel betrachtet, mag das stimmen. Wir gehen von einem Durchschnittpreis von 2.000 bis 2.500 Euro aus. Aber um noch einmal auf die Kaufprämie zurückzukommen: Wir haben gemeinsam mit anderen Verbänden einen Vorschlag formuliert, in dem auch die schon angesprochenen eCargo-Bikes bzw. deren Käufer von diesen Prämien profitieren sollen. Egal ob privat oder gewerblich genutzt – das wäre eine sehr wirksame Maßnahme, um große Teile des Lieferverkehrs in den Innenstädten und damit Schadstoffemissionen, Verkehrsbehinderungen und Lärm zu vermeiden. Einige Kommunen in Deutschland haben dieses Potenzial schon erkannt und fördern diese Bikes auch.

Der Absatz von Elektro-Autos in Deutschland kommt nur langsam in Schwung. Ist für Sie als Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes der Umstieg aufs Rad – ob mit oder ohne Elektroantrieb – die einzige realistische Möglichkeit, Schadstoffbelastungen langfristig zu reduzieren und die Städte vor dem Verkehrskollaps zu bewahren?

Innerhalb der Mobilitätskette ist dies auf jeden Fall schon einmal eine sehr gute Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit eine Reduzierung der fahrzeugbedingten Schadstoffe zu erreichen. Bei der individuellen Nahmobilität nehmen Fahrräder und E-Bikes aus unserer Sicht einen sehr hohen Stellenwert ein. Wir legen aber auch Wert darauf, dass die verschiedenen Mobilitätsträger logisch miteinander verknüpft sind – ein effizienter Mobilitätsmix, sozusagen. Wir müssen beispielsweise den ÖPNV, das Fahrrad und Fußwege sinnvoll miteinander verzahnen, sodass wir auch die Leute abholen, die einen längeren Weg zur Arbeit in die Stadt zurücklegen müssen. Die Vernetzung der einzelnen Mobilitätskomponenten ist daher sehr wichtig, wenn wir die gesteckten Ziele erreichen wollen.

Notwendig sind in diesem Zusammenhang auch sichere und bequeme Abstellmöglichkeiten fürs Rad, um dann den ÖPNV nutzen zu können. Man muss es den Leuten,- und insbesondere den Pendlern, - so bequem wie möglich machen. Beispielsweise mit Leihfahrrädern.  Man sollte im Idealfall mit einer universell gültigen Karte für alle Leihsysteme an jeder Ecke ein Leihrad nutzen können. Hier gilt es Hürden abzubauen, um die Nutzung so einfach wie möglich zu machen. Dann – da bin ich mir sicher – würden viel mehr Menschen vom Pkw auf andere, umweltfreundlichere Fortbewegungsalternativen umsteigen. Das gilt übrigens nicht nur für Pendler, die mit dem Auto in die Stadt fahren, sondern auch für die ländliche Umgebung, wo der ÖPNV ja teilweise so gut wie nicht existent ist. Dort können schnelle E-Bikes und E-Lastenräder den Menschen einen enormen Vorteil einbringen und Pkw-Fahrten reduzieren.

Der Nationale Radverkehrsplan 2020 der Bundesregierung fördert innovative Projekte im Fahrradverkehr. Wo sehen Sie den dringendsten Investitionsbedarf?

Auf Bundesebene stehen uns jährlich insgesamt 200 Millionen Euro für die Förderung des Radverkehrs und für den Ausbau der Infrastruktur zur Verfügung. Auch wenn das verglichen mit anderen Verkehrsträgern aus unserer Sicht immer noch relativ wenig ist, ein Schritt in die richtige Richtung ist es auf jeden Fall. Auch die Investitionen haben in den letzten Jahren zugenommen. Bei der Frage, für was das Geld am dringendsten benötigt wird, sagen wir ganz klar: für die Infrastruktur. Eine gute Infrastruktur, die Komfort und Sicherheit bietet, ist eine wichtige Voraussetzung, um die Bevölkerung überhaupt zu einem Umstieg auf das Rad zu motivieren. Ohne entsprechende Radschnellstraßen wird die Fahrt von außerhalb in die Stadt schnell zu einem Zeitfaktor – durch schlecht getimte Verkehrsampeln zum Beispiel. Neben der Infrastruktur müssen wir allerdings auch in die Kommunikation investieren, um die Menschen gezielt auf die Vorteile eines hohen Fahrradanteils aufmerksam zu machen.

Der ZIV vertritt die Interessen der gesamten deutschen Fahrradindustrie auf nationaler und internationaler Ebene. Welche Ziele wollen Sie in den kommenden Jahren erreichen?

Vorrangiges Ziel ist, die Fahrradnutzung in Deutschland weiter zu steigern und noch mehr Menschen zur Radnutzung zu animieren. Als Industrieverband sehen wir es natürlich auch gerne, wenn sich der Markt weiterentwickelt und mehr Räder verkauft werden. Dazu gehört auch, die passenden Rahmenbedingungen wie eine gute Infrastruktur und Kaufanreize für die Produkte zu schaffen. Auf internationaler Ebene spielen für uns auch Themen wie Anti-Dumping-Zölle eine Rolle.

Eine weitere Kernaufgabe für uns ist, der Politik klarzumachen, welche wirtschaftliche Bedeutung der E-Bike- und Radbranche im Allgemeinen zukommt, mit tausenden Beschäftigten und Milliardenumsätzen im Handel und in der Produktion. Unser Eindruck ist, dass diese Tatsache von der Politik nicht wirklich wahrgenommen wird. Gerade in der Tourismusbranche lässt sich das gut beobachten. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass manche Regionen in Deutschland fast ausschließlich vom Radtourismus profitieren. Gerade in den gebirgigen Regionen werden in beinahe allen größeren Hotels E-Bikes und normale Fahrräder ausgeliehen. Für die Tourismusbranche ist das eine große Chance.

Zum Abschluss ein Gedankenspiel: Deutschland im Jahr 2030. Welche Rolle spielen Fahrräder und E-Bikes in Ihrer Vorstellung?

Unser Ziel muss es sein, den Anteil des Radverkehrs am Modalsplit, also der Verkehrsmittelwahl, deutschlandweit auf 30 Prozent zu erhöhen. In den großen Städten sehen wir schon jetzt eine gute Tendenz, um dieses Ziel zu erreichen. Hier erreichen wir teilweise sogar schon 40 Prozent, beispielsweise in Münster. In Verbindung mit der Elektromobilität könnten wir damit viele Probleme, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, vermeiden. Ziel sollte es sein, und das ist sicherlich im Sinne eines jeden Bürgers, die chronisch überfüllten Straßen in Deutschland zu entlasten. Dies gilt vor allem im urbanen Raum. Die Menschen sehnen sich nach sauberen Städten mit geringer Lärmbelastung und Raum, in dem man sich gerne aufhält.

Herr Neuberger, vielen Dank für das Gespräch. (aho)

Der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) ist nationale Interessenvertretung und Dienstleister der deutschen und internationalen Fahrrad-, E-Bike-, Komponenten- und Zubehörindustrie. Mehr Informationen finden Sie unter http://www.ziv-zweirad.de

Erstveröffentlichungsdatum des Interviews: 02. November 2017

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