Mit der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung der Ladeinfrastruktur gewinnen Cyberrisiken massiv an Bedeutung. Moderne Ladepunkte, insbesondere DC-Ladesäulen mit Backend-Anbindung oder V2G-Funktionen, bilden attraktive Angriffsflächen für Cyberkriminelle. Hackerangriffe können weitreichende Folgen haben – von Datenverlust, Abrechnungsbetrug bis hin zur Gefährdung der Netzstabilität. Effektive Cybersecurity wird daher zum integralen Bestandteil zukunftssicherer Elektromobilitätsinfrastruktur.

Einleitung Cybersecurity

Bild: AdobeStock #886174399 Anastasiia

1. Warum ist Cybersecurity in der Ladeinfrastruktur entscheidend?

Mit der zunehmenden Digitalisierung der Elektromobilität rückt die Frage nach Cybersicherheit in der Ladeinfrastruktur in den Vordergrund. Ladepunkte sind heute hochvernetzte, softwaregesteuerte Systeme – und bilden damit eine neue Schnittstelle zwischen der physischen und der digitalen Welt. Jeder Ladepunkt ist nicht nur ein Stromanschluss, sondern ein „Smart Device“ mit Internetanbindung, Kommunikationstechnologien, Zahlungsabwicklung und Anbindung an übergeordnete Netzwerke (z. B. Backend-Systeme, Netzbetreiber oder Energieversorger).

Die zentrale Bedeutung von Cybersecurity ergibt sich aus vier wesentlichen Bedrohungslagen:

1.1 Ladeinfrastruktur als Teil kritischer Energieinfrastruktur (KRITIS)

Je weiter Ladepunkte mit dem Stromnetz, Energieversorgern und Smart-Grid-Systemen vernetzt sind, desto größer wird ihr sicherheitskritischer Charakter. Bereits heute ist Ladeinfrastruktur – insbesondere Schnellladeparks entlang der Autobahnen oder Großprojekte im Logistikbereich – als Teil der kritischen Infrastruktur (KRITIS) einzustufen.

Ein erfolgreicher Cyberangriff auf diese Systeme kann:

  • die Steuerung der Ladeleistung gezielt stören,

  • durch „Botnets aus Ladepunkten“ Lastspitzen erzeugen und Netze destabilisieren,

  • oder Netzbetreibern die Kontrolle über steuerbare Verbrauchseinrichtungen (§ 14a EnWG) entziehen.

Im Worst Case könnte dies Auswirkungen auf die Netzfrequenz, regionale Stromausfälle oder Störungen bei der Versorgungsstabilität haben. Die Ladeinfrastruktur ist damit potenziell ein Systemrisiko für die Energiewende, wenn sie nicht adäquat geschützt wird.

1.2 Schutz sensibler Nutzerdaten & Abrechnungssysteme

Moderne Ladepunkte erfassen eine Vielzahl personenbezogener Daten:

  • Standort & Ladeverhalten

  • Zeitstempel, Ladeleistung und Fahrzeuginformationen (z. B. VIN)

  • Zahlungsinformationen (z. B. Kreditkartendaten, App-Zugänge)

  • Authentifizierungsdaten (z. B. RFID-Token, Zugang per App, QR-Code-Scans)

Diese Daten sind hochattraktiv für Cyberkriminelle – insbesondere, wenn Ladeinfrastruktur über offene Protokolle (z. B. OCPP), nicht verschlüsselte Verbindungen oder unsichere Cloud-Systeme betrieben wird. Angriffe auf diese Systeme können zu:

  • Datendiebstahl,

  • Identitätsmissbrauch,

  • Manipulation von Abrechnungen oder

  • Nutzung durch Unbefugte führen.

Solche Vorfälle untergraben nicht nur das Vertrauen der Nutzer in E-Mobilität, sondern können auch datenschutzrechtliche Konsequenzen nach DSGVO nach sich ziehen – mit hohen Bußgeldern für Betreiber.

1.3 Manipulation von Ladevorgängen & Geräten (Firmware-Angriffe)

Ein besonders kritisches Szenario sind gezielte Firmware-Manipulationen von Ladepunkten oder Steuerboxen. Über kompromittierte Software-Updates, offene Ports oder physische Manipulation können Angreifer:

  • Ladeprofile manipulieren (z. B. überhöhte Stromaufnahme provozieren),

  • die Ladevorgänge vollständig blockieren („Denial of Service“),

  • oder auf Displays unerwünschte Inhalte anzeigen (Social Engineering).

Beispiele aus der Forschung zeigen, dass manipulierte Wallboxen dazu genutzt werden können, Fahrzeuge „leer zu saugen“, Angriffe auf das Heimnetzwerk auszuführen oder sich Zugriff auf das Gebäudeenergiesystem zu verschaffen. Damit wird ein Sicherheitsproblem aus dem digitalen Raum zur physischen Bedrohung.

1.4 Verlust von Vertrauen in die Elektromobilität

Cybersicherheit ist nicht nur eine technische, sondern auch eine psychologische Herausforderung. Berichte über gehackte Ladesäulen, gestohlene Daten oder fehlerhafte Abrechnungen führen zu Vertrauensverlust bei den Nutzern, insbesondere bei Neueinsteigern. Das ist besonders relevant für:

  • Flottenbetreiber, die auf verlässliche Ladeverfügbarkeit angewiesen sind,

  • Wohnungswirtschaft & Gewerbe, die Ladeinfrastruktur als Service anbieten,

  • sowie private Nutzer, die einfache, sichere Nutzung erwarten.

Ein bekannt gewordenes Sicherheitsleck an einem Anbieter kann sich negativ auf die gesamte Branche auswirken – analog zu Datenschutzskandalen bei sozialen Netzwerken oder Online-Banking.

Fazit: Warum „Secure by Design“ essenziell ist

Die Ladeinfrastruktur ist ein zentrales Rückgrat der Mobilitätswende. Ihre Sicherheit ist kein „Nice-to-have“, sondern eine Grundvoraussetzung für Skalierbarkeit und gesellschaftliche Akzeptanz. Daher müssen Betreiber, Hersteller und Behörden Cybersecurity als Querschnittsaufgabe verstehen – und bereits bei der Planung und Entwicklung sicherstellen, dass die Systeme:

  • härtbar,

  • aktualisierbar,

  • überwachbar und

  • auditiert sind.

Nur so kann das enorme Potenzial der Ladeinfrastruktur – inklusive Vehicle-to-Grid (V2G), dynamischer Netzsteuerung und Abrechnungsschnittstellen – voll ausgeschöpft werden, ohne zum Einfallstor für digitale Risiken zu werden.


Infobox Cyberrisiken

RisikoBeschreibung
🔓 Unverschlüsselte Kommunikation Angreifer können ungeschützte Datenverbindungen abfangen und manipulieren.
🛠 Manipulierte Firmware/Software Eingeschleuste Schadsoftware kann Ladevorgänge manipulieren oder Geräte funktionsunfähig machen.
🧑‍💻 Unsichere Authentifizierung Fehlende Zugangsbeschränkungen ermöglichen unbefugten Zugriff auf Ladepunkte.
📡 Angriffe auf Backend-Systeme Cloud- und Abrechnungssysteme sind oft Ziel von DDoS-Angriffen oder Datenlecks.
🔌 Physischer Zugriff auf Ladepunkte Offene Wartungsklappen oder ungesicherte Schnittstellen bieten Manipulationspotenzial.
💳 Missbrauch von Zahlungsdaten Kreditkarten- oder App-Zugänge können ausgespäht und missbraucht werden.

2 Typische Bedrohungsszenarien

 

Bedrohungsszenario 1: Manipulation von Ladevorgängen durch kompromittierte Firmware

Ausgangslage:

Ein Anbieter von Schnellladesäulen vertreibt mehrere hundert öffentlich zugängliche Ladepunkte, die per Fernwartung zentral mit Firmware-Updates versorgt werden. Die Updates erfolgen regelmäßig – doch die Authentizität der Firmware-Pakete wird unzureichend verifiziert (fehlende Signaturprüfung, keine verschlüsselte Verbindung zum Update-Server).

Angriffsverlauf:

Ein Angreifer verschafft sich durch Social Engineering Zugang zum Wartungssystem oder nutzt eine Schwachstelle im Backend. Anschließend spielt er eine manipulierte Firmware auf mehrere Ladesäulen ein, die unbemerkt bösartigen Code enthält.

Auswirkungen:

  • Die Ladepunkte starten unkontrollierte Ladevorgänge mit überhöhter Stromaufnahme („Overload-Attacke“).

  • Interne Temperatur- und Leistungssensoren werden gezielt manipuliert, um Notabschaltungen zu umgehen.

  • Die Folge sind überhitzte Ladekabel, Ausfälle oder im schlimmsten Fall Brandschäden.

  • Der Anbieter muss sämtliche Geräte vom Netz nehmen und kostenintensive Prüfungen vor Ort durchführen.

  • Kundendaten (z. B. ID-Tokens, Kreditkartendaten) werden zusätzlich abgegriffen.

Relevanz:

Solche Firmware-Angriffe sind besonders gefährlich, da sie tief im System operieren, schwer zu entdecken sind und sich schnell auf viele Geräte gleichzeitig ausweiten lassen. Schutzmaßnahmen wie digitale Signaturen, automatisierte Integritätschecks und physische Zugriffssperren sind essenziell.

 

Bedrohungsszenario 2: Angriff auf Backend-Systeme mit Manipulation der Abrechnung

Ausgangslage:

Ein kommunaler Ladeinfrastrukturbetreiber nutzt eine Cloud-basierte Plattform für Ladepunktmanagement, Nutzerauthentifizierung und Abrechnung. Die Kommunikation zwischen Ladestation und Backend läuft über OCPP 1.6, teilweise unverschlüsselt. Die Zugangsdaten zur Plattform sind einfach gehalten (z. B. Standardpasswörter, fehlende 2FA).

Angriffsverlauf:

Ein Angreifer erkennt über Port-Scanning öffentlich zugängliche Backend-Endpunkte und nutzt eine bekannte Schwachstelle im verwendeten Framework aus. Er verschafft sich darüber Administratorrechte im System und manipuliert:

  • Ladevorgangsdaten (Start- und Endzeiten, Strommengen),

  • Preise je kWh (z. B. auf 0 Cent für eigene RFID-Tokens),

  • sowie den Export der CSV-Reports für die monatliche Abrechnung.

Auswirkungen:

  • Die Abrechnung gegenüber Kunden und Roamingpartnern ist massiv verfälscht.

  • Der Betreiber verliert Einnahmen und das Vertrauen seiner Kundschaft.

  • Betroffene Nutzer klagen über doppelte oder falsche Abrechnungen.

  • Ein DSGVO-relevanter Datenabfluss (z. B. Standort- und Nutzungsverhalten) kann nicht ausgeschlossen werden.

  • Der Vorfall muss öffentlich gemacht werden, inklusive IT-Forensik und rechtlicher Folgen.

Relevanz:

Dieses Szenario zeigt die zentrale Rolle sicherer Backend-Architekturen. Der Angriff erfolgt nicht auf die Hardware, sondern auf das „Gehirn“ der Ladeinfrastruktur. Daher sind Verschlüsselung, Rechte- und Rollenkonzepte, Monitoring und regelmäßige Penetrationstests unerlässlich.


3 Schutzmaßnahmen & Sicherheitsstandards

3.1 Technische Schutzmaßnahmen: Hardening der Ladeinfrastruktur

Ein zentrales Element zur Abwehr von Cyberangriffen ist die technische Absicherung (Hardening) der Ladeinfrastruktur – sowohl auf Seiten der Hardware (Ladesäulen, Wallboxen) als auch der Software (Firmware, Protokolle, Cloudsysteme). Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen:

Sichere Firmware und Software

  • Digitale Signaturen aller Updates verhindern, dass manipulierte Firmware eingespielt wird.

  • Checksum-Verfahren prüfen die Integrität vor und nach dem Updateprozess.

  • OTA-Updates (Over-the-Air) sollten nur über verschlüsselte, authentifizierte Kanäle erfolgen – z. B. mit TLS 1.3.

Verschlüsselung der Kommunikation

  • Ende-zu-Ende-Verschlüsselung über Protokolle wie TLS oder VPNs muss Pflicht sein – insbesondere bei OCPP-Kommunikation.

  • Bei drahtloser Kommunikation (Wi-Fi, LTE, 5G) müssen APN-Verschlüsselung und SIM-Kartenauthentifizierung eingesetzt werden.

Physische Absicherung

  • Ladesäulen und Verteilerkästen benötigen Zugangsschutz gegen physischen Zugriff (z. B. manipulationssichere Gehäuse, Zugang per Smartcard).

  • Schnittstellen wie USB oder Ethernet müssen deaktiviert oder separat abgesichert werden.

3.2 Organisatorische Maßnahmen: Prozesse, Rollen und Monitoring

Die IT-Sicherheit endet nicht bei Technik – auch organisatorische Maßnahmen spielen eine tragende Rolle:

Rollen- und Rechtemanagement

  • Zugriff auf Systeme erfolgt nach dem „Need-to-Know“-Prinzip.

  • Mitarbeitende in Betrieb, Wartung und Abrechnung erhalten nur Rollen mit den für ihre Funktion erforderlichen Rechten.

  • Administrative Zugriffe werden protokolliert und regelmäßig überprüft.

Logging, Monitoring und Incident Detection

  • Zentrale Protokollierung aller sicherheitsrelevanten Ereignisse (z. B. Loginversuche, Firmware-Installationen, Authentifizierungsfehler).

  • Einsatz von SIEM-Systemen (Security Information and Event Management) zur automatisierten Angriffserkennung.

  • Alarmsysteme bei Anomalien – etwa bei plötzlich massiv erhöhtem Energiebezug oder verdächtigen API-Aufrufen.

Regelmäßige Audits und Penetrationstests

  • Interne und externe Sicherheitsaudits sind turnusmäßig vorgeschrieben.

  • Red Teaming-Szenarien ermöglichen realitätsnahe Überprüfung der Widerstandsfähigkeit gegen Cyberangriffe.

  • Ergebnisse fließen in ein kontinuierliches Security Improvement Lifecycle ein.

3.3 Standards und Zertifizierungen: Was gilt für Betreiber und Hersteller?

Internationale Normen

Für Hersteller und Betreiber von Ladeinfrastruktur sind mittlerweile diverse Sicherheitsstandards relevant, u. a.:

StandardBedeutung
ISO/IEC 27001 Informationssicherheitsmanagementsystem (ISMS) – Grundlage für Betreiber
IEC 62443 Industrielle Netzwerksicherheit, speziell für verteilte Systeme wie Ladeinfrastruktur
ISO 15118-20 Kommunikationsstandard für V2G/V2X – enthält auch Sicherheitsmechanismen
OCPP 2.0.1 Security Profile Sicherheitsprofil für Ladesäulenkommunikation, definiert Verschlüsselung, Signaturen etc.

Zertifizierungen und Label

  • In Deutschland ist BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) für Sicherheitsbewertungen zuständig.

  • Ladepunkte, die im Rahmen von Förderprogrammen (z. B. KfW) eingebaut werden, müssen Mindeststandards erfüllen.

  • Einige Hersteller streben CC-EAL-Zertifizierungen (Common Criteria) für Hardware-Module an.

4 Fazit

Cybersecurity darf in der Ladeinfrastruktur kein nachgelagerter Zusatz sein – sie muss von Anfang an integraler Bestandteil jedes technischen, regulatorischen und organisatorischen Konzepts sein. Nur wenn IT-Sicherheit konsequent mitgedacht und umgesetzt wird, können Vertrauen, Resilienz und Skalierbarkeit langfristig gewährleistet werden.

Die Absicherung vernetzter Ladesysteme ist dabei nicht nur eine Frage der Technik, sondern ein gesamtgesellschaftliches Anliegen: Unzureichend geschützte Ladeinfrastruktur gefährdet nicht nur einzelne Betreiber oder Nutzer, sondern kann im Extremfall Netzstabilität, Energieverteilung und öffentliche Sicherheit beeinträchtigen. Jeder nicht geschützte Ladepunkt ist ein potenzieller Angriffspunkt in einem zunehmend digitalisierten Energiesystem.

Verbindliche Sicherheitsstandards, transparente Audits und ein dynamisches Bedrohungsmanagement sind deshalb ebenso entscheidend wie die technische Robustheit einzelner Komponenten. Nur mit einem mehrschichtigen Sicherheitsansatz – vom Edge Device bis ins Backend – lässt sich Ladeinfrastruktur zukunftsfähig, nutzerfreundlich und sicher gestalten.

 

Redaktion eMobilServer

 

 

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