Dr. Bernd Buchholz

Die Mobilität befindet sich in einem dynamischen Wandel: Bernd Buchholz, Minister für Verkehr, Wirtschaft und Technologie in Schleswig-Holstein, führt in seinem Gastbeitrag aus, wie das norddeutsche Bundesland sich dieser Herausforderungen stellt.

Dieser Beitrag ist zuerst in eMobilJournal Ausgabe 06/2018 erschienen.

Wie die Mobilität der Zukunft genau aussehen wird, kann heute niemand vorhersagen. Wie sie aussehen muss, ist dagegen klar: klimaneutral, ressourcenscho­nend, sauber. Hier leistet die Elektromobilität selbstver­ständlich einen wichtigen Beitrag. Aber allein auf sie zu setzen, wäre zu kurz gegriffen. Uns ist es deshalb wich­tig, dass es einen fairen Wettbewerb der Technologien gibt. Und das setzt voraus, dass der Staat in diesen Wett­bewerb nicht steuernd eingreift, sich also technologie­neutral verhält.

Im Zentrum steht das grundsätzliche Ziel, die Mobili­tät der Zukunft emissionsarm und ressourcenschonend zu gestalten – mit welcher Technologie auch immer. Deshalb setzen wir auf einen Mix an Antriebstechno­logien wie Elektromobilität, Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe, aber auch LNG (Liquefied Natural Gas = Flüssigerdgas) und vieles mehr. Und die Mobilität muss intelligent vernetzt und auf die regionalen wie indi­viduellen Bedürfnisse passgenau zugeschnitten sein, deshalb sind für uns Modellprojekte für autonomes Fahren, neue Rufbus-Modelle und das Thema Digitali­sierung so wichtig.

Schleswig-Holstein ist prädestiniert, als Land der er­neuerbaren Energien voranzugehen: Wir haben hier zwei lange Küsten und jede Menge Wind. Deshalb pro­duziert Schleswig-Holstein schon seit vielen Jahren viel Strom aus Windenergie, onshore wie offshore. Nur reicht uns das nicht. Wir wollen den sauberen Strom nicht nur produzieren und weiterleiten, wir wollen ihn auch viel­fältig nutzen und Wertschöpfung daraus ziehen. Das heißt, wir setzen auf Sektorenkopplung: „Sauberer“ Strom für den Energiemarkt, für den ­Wärmemarkt und für die Mobilität.

Mobilität nicht versus Klimaschutz

Gerade im Bereich der Mobilität steckt viel Potenzial, wachsende Güterverkehre, große Pendlerströme und individualisierte Mobilitätsbedürfnisse der Touris­ten nachhaltig und emissionsarm zu gestalten. Den „Rohstoff“ dazu haben wir schon. Herausforderung ist jetzt, den Strom aus erneuerbaren Quellen „auf die Straße“ zu bringen. Und natürlich auch auf die Schiene.

Das schont nicht nur Umwelt und Gesundheit, das ist auch gut für unsere Wirtschaft: In alternativen Antriebs­formen steckt die große Chance, den Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein als modernes Energiewirtschaftsland weiter zu profilieren und durch Innovationen wettbe­werbsfähig zu halten. Deshalb setzen wir auf grünen Wasserstoff und Elektromobilität, alternative Antriebs­formen im Schienenverkehr, LNG, Hybridantriebe und Landstrom für Schiffe.

Ein Feldversuch an der A 1

Ein Beispiel: das Projekt „FE.SH, Feldversuch eHighway“. Dahinter verbirgt sich eine Teststrecke für Oberlei­tungs-Lkw. Das vom Bund mit rund 19 Millionen Euro finanzierte Pilotprojekt sieht den Bau einer 10,2 km langen Oberleitungsanlage an der A 1 zwischen Rein­feld und dem Autobahnkreuz Lübeck vor, mit der zukünftig schwere Lkw elektrisch betrieben werden können.

Mit diesem Projekt ist Schleswig-Holstein nach Hessen bundesweit das zweite Land, das diese eben­so innovative wie umweltfreundliche Technologie im Echtbetrieb erproben und daraus wichtige Erkennt­nisse für einen klimaschonenden Verkehr der Zukunft ziehen kann. Dank der Spedition Bode, dem Lübecker Hafen mit der Hafen Lehmann KG und vielen anderen Beteiligten, werden wir voraussichtlich Mitte 2019 den Feldversuch in der Praxis starten. Dann werden Oberleitungs-Lkw der Spedition im fließenden Ver­kehr fahren, also im Echtbetrieb.

Im Rahmen des Feldversuchs soll unter realen Ver­kehrsbedingungen und wissenschaftlich begleitet eine technische, ökonomische und ökologische Sys­tembewertung des eHighways erfolgen. Die ersten Test-Lkw werden mit einem Hybridsystem aus Diesel- und Elektromotor ausgestattet sein. Grundsätzlich sind aber verschiedenste Hybrid- und Batteriekon­zepte mit dem Oberleitungssystem kombinierbar, wodurch in Zukunft auch ein rein elektrischer Betrieb möglich ist. Ist das Projekt erfolgreich, könnte es wei­ter ausgebaut werden.

  • EHighway Siemens Scania B

    Siemens und Scania forschen gemeinsam am elektrifizierten Straßengüterverkehr. (Quelle: Siemens)

  • EHighway Teststrecke Brandenburg B

    Das Bild zeigt eine Fahrszene auf einer eHighway-Teststrecke in Groß Dölln in Brandenburg (Quelle: Siemens)

     

    Maßnahmenpaket zur Stärkung der Elektromobilität

    Über das Projekt „FE.SH“ hinaus hat Schleswig-Holstein ein ganzes Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht, um die Elektromobilität bei uns im Land voranzubrin­gen. Schon im Sommer 2016 wurde ein eigenes Förder­programm zur Errichtung von Ladesäulen aufgelegt, um die Elektromobilität gezielt und konkret zu för­dern. 32 Kommunen haben Mittel für Ladesäulen er­halten. Und um mit gutem Beispiel voranzugehen, gibt es bereits Ladesäulen vor verschiedenen Ministerien des Landes, etwa vor dem Energiewende-Ministerium und dem Verkehrsministerium. Auch vor dem Gebäude der Staatskanzlei kann man sein Elektroauto aufladen – und das wird auch regelmäßig genutzt. Außerdem wurde die Fahrbereitschaft des Landes mit mehreren Elektroautos ausgestattet.

    Im Zuge eines Förderprogramms zur Neugestal­tung von Bike&Ride-Anlagen an Bahnhöfen wurden Fahrrad-Schließschränke gefördert, die mit Lademög­lichkeiten für E-Bikes ausgestattet sind. Das ist eine sinnvolle Sache, um die Verknüpfung verschiedener Verkehrsträger gerade für Pendler zu verbessern und so auch kleinere Bahnhöfe im Land zu „Umsteigekno­tenpunkten“ weiterzuentwickeln. Denn Autofahrer steigen erfahrungsgemäß erst dann auf den ÖPNV (öffentlicher Personennahverkehr) um, wenn das An­gebot attraktiv ist und den individuellen Mobilitäts­ansprüchen gerecht wird. Das heißt: Wer auf Fahrrad und ÖPNV umsteigt, muss sicher sein können, dass das Rad sicher und geschützt abgestellt werden kann und im besten Falle auch Ladestationen vorhanden sind, die das E-Bike wieder mit „Saft“ versorgen.

    Damit nicht genug: Die Umweltminister der Län­der haben gemeinsam den Bund aufgefordert, ein Sofortprogramm für die Elektrifizierung von Bussen des Nahverkehrs und die Umrüstung der Betriebs­höfe aufzulegen. 2018 sollten dafür 50 Millionen Euro und ab 2019 jährlich 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden, so die Forderung der Ländervertreter. Damit wollen wir die Mobilität klimafreundlicher, umweltschonender und darüber hinaus auch leiser machen. Einige Kommunen haben bereits die Initiative ergrif­fen: Auf Sylt beispielsweise fährt seit Oktober 2016 der erste Elektrobus Schleswig-Holsteins. Mit einer Reich­weite von 230 km ist er ideal für den Linienverkehr auf der Insel. Langfristig sollen weitere Busse auf Elektro­betrieb umgestellt werden.

    Denn angesichts stetig wachsender Güterverkehre und zunehmenden Individualverkehrs können wir nicht ein­fach weitermachen wie bisher. Wir müssen Mobilität neu denken, kreativ sein, verschiedene Verkehrsträger intel­ligent vernetzen und die Chancen, die die erneuerbaren Energien bieten, entschiedener für die Mobilität nutzen. Am Ende wollen wir eine ressourcenschonende und den­noch individuellen Anforderungen genügende Mobilität gewährleisten können. Und das eben nicht nur in den Ballungszentren, sondern auch im ländlichen Raum.

    Autonom fahrende Busse – ein Modell für den ländlichen Raum?

    Das Projekt „Nachfragegesteuerte Autonom Fahrende Busse“ (NAF) ist darauf genau die richtige Antwort, denn es zeigt, dass in Schleswig-Holstein viel Potenzial und Initiativen in Wirtschaft und Wissenschaft vorhan­den sind, um die zukunftsträchtigen Entwicklungen mitgestalten zu können. Auch und gerade im ländli­chen Raum selbst. Mit diesem von Bund und Land finanziell unter­stützten Projekt nimmt die Region Nordfriesland so­gar eine Vorreiterrolle in Deutschland ein, weil hier die Chancen für den ÖPNV mit dem Einsatz elektrisch betriebener autonomer Busse im ländlichen Raum erstmalig erprobt werden sollen. Das Projekt passt also hervorragend zum Energiewendeland Schleswig-Holstein.

    Solche Initiativen sind auch für uns als Tourismus­land hoch interessant. Denn die Gäste, die zu uns kommen, suchen Ruhe und Erholung – und vor allem eine intakte Natur. Auch vor diesem Hintergrund ist es also wichtig, alternative Mobilitätsformen zu er­proben. Niemand möchte schließlich in der schönsten Jahreszeit, dem eigenen Urlaub, von Abgasen und Straßenlärm traktiert werden. Leise surrende Elektro­busse in den Tourismusorten, Pedelecs für die Ausflügeund Carsharing mit Elektroautos für die längeren Strecken – so könnte die touristische Mobilität der Zukunft aussehen. Und wir arbeiten daran, dass dies nicht Vision bleibt.

    • Bernd Buchholz Portrt

      Autor

      Dr. Bernd Buchholz

      Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein

    • Mobilitt Neu Denken Buchholt Screenshot

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