Mobility as a Service: Verliert Deutschland den Anschluss?

In Deutschland dreht sich die öffentliche Diskussion rund um die Veränderung der Mobilität fast ausschließlich um das Auto. Alternative Antriebe für Pkws sind allerdings lediglich ein Vehikel der „Neuen Mobilität“. – Gastbeitrag von Michael Tschakert.

Vom Device zu Mobility as a Service

Im Zentrum des bisherigen Wertschöpfungsprozesses der Automobilhersteller steht das Auto. Von diesem aus werden Konnektivität und vor allem Services gedacht. Im Silicon Valley wird die Entwicklung dagegen von den Services ausgehend vorangetrieben, womit das „Device“, sprich das Auto, eine austauschbare Größe, beziehungsweise ein reines Transportgut wird.

Das Besitzen eines „Device“, welches in den meisten Fällen zu 90 Prozent steht, nicht genutzt wird und verrostet, wird ersetzt werden durch „Mobility as a Service“. Es entsteht damit eine individuelle, auf die persönlichen Bedürfnisse ausgerichtete Mobilität.

Diese Services werden derzeit beherrscht durch die großen amerikanischen Technologieunternehmen, die genügend Erfahrungen gesammelt haben und über „Big Data“ die Ansprüche, Vorlieben und Rhythmen ihrer Nutzer kennen. Das autonome Fahren verstetigt diesen Trend, da ein selbstständig fahrendes Auto Passagiere zu jederzeit überall abholen und transportieren kann. Dies macht die Fortbewegung wesentlich unabhängiger und flexibler.

Potenzial für Probleme in den Städten

Zudem entstehen dadurch ungeahnte Möglichkeiten der Stadtentwicklung. Ein „Rückgewinnen“ der Städte ist die Folge, da keine zentralen Parkflächen benötigt werden, der Verkehr insgesamt durch intelligente Steuerung sogar abnehmen wird. Es muss keine Zeit mehr mit endloser Parkplatzsuche – allein die Parkplatzsuche kostet jeden Deutschen laut einer Studie von INRIX durchschnittlich 41 Stunden im Jahr (siehe Grafik unten) – oder durch Staus in der Rush Hour vergeudet werden.

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In Frankfurt a.M. verbringen Fahrer im Schnitt 65 Stunden im Jahr mit der Suche nach einem Parkplatz. (Quelle: INRIX/Cheil Germany GmbH)

Die Luftverschmutzung in den Städten wird durch den Einsatz emissionsfreier Fahrzeuge drastisch verringert. Die „Neue Mobilität“ bedeutet demnach zunächst deutlich mehr Komfort und Freiheit und reduziert die Mobilitätskosten oder anders ausgedrückt, die schöne, neue Welt wird erst einmal ökologische, ökonomische und auch soziale Vorteile mit sich bringen.

Die Automobilwirtschaft tritt in den Wettbewerb zu Technologieunternehmen

Deutschland steht bisher, ausgehend vom Automobil, durch die heimischen Hersteller und Zulieferer an der Spitze der Entwicklung. Neue Technologien, wie Batterie oder Brennstoffzelle, werden in Deutschland, wenn auch mit zeitlichem Verzug, forciert. Genau darum geht es aber nicht. Die alternativen Antriebe sind lediglich ein Vehikel, ein austauschbares Gut im Rahmen der „Neuen Mobilität“, die maßgeblich von anderen Entwicklungen bestimmt werden wird. 

Die Verbindung von autonomem Fahren und „Ride on Demand“ führt zu „Mobility as a Service“ und wird in alle Lebensbereiche Einzug halten: „Lifestyle as a Service“, „Food as a Service“, etc. Aus diesem Grund streben auch die deutschen Automobilhersteller in Richtung des Mobilitätsdienstleisters, da hier an der Schnittstelle zum Kunden und mit dessen Daten zukünftig die Wertschöpfung stattfinden wird.

Damit tritt die Automobilwirtschaft in den direkten Wettbewerb zu Technologieunternehmen, die längst an der allumfassenden „Mega-Lifecycle-App“ arbeiten, die den Konsumenten und Bürger in allen Lebenssituationen begleiten soll. Bereits jetzt hat beispielsweise Amazon die Logistikprozesse digital perfektioniert. Letztlich macht es kaum einen Unterschied, ob es sich bei dem Prozess um ein Paket aus einer Onlinebestellung oder einen Menschen handelt, der von A nach B transportiert wird.

Bedeutung für die deutsche Fahrzeugindustrie 

Da nun der Service und nicht mehr das Auto im Mittelpunkt der Wertschöpfungskette steht, kann sich die Monetarisierung der Leistungen zu den Technologieunternehmen verschieben und somit vor allem in Deutschland zu einem Dominoeffekt führen. Denn, wenn die Automobilhersteller fallen, folgen auch die Zulieferer, Maschinenbauer etc. Mehrere Millionen Arbeitsplätze drohen ersatzlos wegzufallen. Sicherlich wird dies nicht 2020 der Fall sein. Aber wer meint, dass dies alles noch weit in der Zukunft liegt und für heute keine Konsequenz hat, der irrt. 

Getrieben wird diese Entwicklung nämlich von den Staaten, die entweder keine eigene Automotive-Branche haben oder in dieser neuen Entwicklung eine industriepolitische Chance ausmachen, allen voran China und die Golfstaaten. Hier kann das nötige Kapital mit einem schnellen und unbürokratischen Aufbau von infrastrukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen kombiniert werden. 

Diese globale Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Deutschland kann nur versuchen, durch Innovationskraft den Abstand zu den Technologieunternehmen zu verringern und durch Setzung zukunftsgewandter politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen die eigene und die europäische Wirtschaft zu einem Treiber der Entwicklung zu machen.

Wesentlich wird zudem sein, die Bürger in diese Entwicklung einzubinden und ihnen vor allem Ängste und Vorbehalte zu nehmen. Geschieht dies nicht, so wird die deutsche Automobilindustrie zur Getriebenen, der mittelfristig die „Puste ausgehen“ wird. Deutschlands über 125-jährige Auto-Tradition wird dann nur noch als kollektive Erinnerung im Museum zu bewundern sein.

Michael Tschakert

Gastautor Michael Tschakert ist Business Director Public Services & Future Mobility bei der Marketing- und PR-Agentur Cheil Germany GmbH. (Quelle: Cheil Germany GmbH)

 

Der vollständige Gastbeitrag ist in der aktuellen Ausgabe des eMobilJournals erschienen. 

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